Eine der zentralen Eigenschaften des Menschen ist die Suche nach Erklärungen. Das betrifft auch die großen philosophischen und existenziellen Fragen unseres Lebens: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Was ist der Sinn unserer Existenz? Manche Menschen suchen Antworten auf diese Fragen in der Wissenschaft, viele finden sie jedoch in der Religion, im Spirituellen und Übersinnlichen - sie glauben an
Götter, die unsere Welt erschufen, und beten diese an. Diese Suche nach Sinn ist keine moderne Entwicklung, sondern tief im Menschen verwurzelt. Damit ist die Religiosität der Menschen so alt wie der Mensch selbst. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf ursprünglichere und alternative Götteranbetungen zu werfen, die abseits oder lange vor der Durchsetzung des Monotheismus durch das Christentum in der westlichen Welt existierten - und teilweise immer noch existieren.
Die Götter als Herren des Universums
Anders als im Christentum, in dem der eine allmächtige Gott sowohl Schöpfer als auch Lenker der Welt und all ihrer Phänomene ist, werden in polytheistischen Religionen verschiedene Eigenschaften und Lebensbereiche unterschiedlichen Gottheiten zugeschrieben. Eine immer wiederkehrende Figur ist der Schöpfergott, da die Entstehung der Erde eine der zentralen Fragen ist, die die Menschen seit jeher beschäftigt.
So glaubt das afrikanische Volk der Dogon an den Schöpfungsgott Amma, der die Welt aus einem Samen erschuf, den er in ein Ei pflanzte, sowie mithilfe der Konzepte von Ordnung und Unordnung. Die Maori dagegen glauben, dass Rangi (Vater Himmel) und Papa (Mutter Erde) der Ursprung aller anderen
Götter, der Welt und sämtlicher Lebewesen sind.
Eine weitere wichtige Gruppe sind die Götter des Wetters. Auch das Klima und Niederschläge waren für die Menschen vor der Entwicklung der Meteorologie nur durch das Wirken von Göttern erklärbar. So ist Thor, der Gott des Wetters und des Donners, neben Odin, dem Göttervater, die wichtigste Gottheit der Germanen. Auch bei den Azteken spielt ein Wettergott eine zentrale Rolle: Tlaloc, der Regengott, war von extremer Bedeutung, da die Azteken ein landwirtschaftlich geprägtes Volk waren, insbesondere im Maisanbau. Blieb der Regen aus, waren die Ernten gering, und die Lebensgrundlage der Azteken war bedroht. Daher wurde Tlaloc intensiv um Regen gebeten. Dieses Beispiel zeigt die Verbindung zwischen der ökonomischen und kulturellen Realität eines Volkes und der Bedeutung einer Gottheit in dessen Religion.
Polytheismus und Interaktion von Göttern
Die verschiedenen Gottheiten in polytheistischen Systemen sind keine isolierten Mächte, sondern personifizierte Wesen, die menschenähnliche Beziehungen untereinander pflegen. So ist etwa der aztekische Regengott Tlaloc der Ehemann der Wassergöttin Chalchiuhtlicue, Vater des Mondgottes Tecciztecatl und Bruder der Fruchtbarkeitsgöttin Huixtocihuatl. Die familiären Beziehungen verweisen dabei auf die Interaktion der Wirkungsbereiche der
Götter: Der Regengott ist mit der Wassergöttin verheiratet und der Bruder der Fruchtbarkeitsgöttin.
Nicht nur Familienkonstellationen, sondern auch Freundschaften und Feindschaften sind unter Göttern verbreitet. So ist etwa die ägyptische Gottheit für Finsternis und Chaos, Apophis, der Feind des Sonnengottes Re. Jede Nacht nach Sonnenuntergang bedroht Apophis in der Dunkelheit die Sonnenbarke Res. Damit am nächsten Morgen die Sonne wieder aufgeht, muss Re diesen nächtlichen Kampf gegen Apophis gewinnen - ein immerwährender Zyklus. Solche Erzählungen halfen den Menschen, komplexe Abläufe wie den Wechsel von Tag und Nacht oder Sonnenauf- und -untergänge durch Beziehungen und Kämpfe der Götter zu erklären.
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